Kulturgeschichte digitalisieren: Der Wert der Digitalisierung in der aktuellen Krise

23.03.21 11:53 AM By Manja Hellmann

Es sind unterschiedlichste Leistungen und Artefakte, die unser Wissen und unsere Kultur gestaltet und geprägt haben und uns noch heute begeistern. Nicht nur ihr Inhalt und seine Bedeutung, auch ihre einzigartige Aufbereitung, ihr Zustand und ihre Haptik machen sie zu Unikaten und unersetzlichen Zeugnissen unserer Vergangenheit. Welche Rolle spielen diese heute noch für unsere Gesellschaft und die junge Generation? Ein Gespräch mit Alexander Tröger.

Kulturschätze kennen junge Generationen häufig nur als Ausstellungstücke in Museen. Welchen Effekt hat jetzt in der Pandemie das Homeschooling?


Gerade jetzt, wo uns durch die Pandemie die aktiven Möglichkeiten der Freizeitgestaltung fehlen, kann das digitale Angebot der Kulturschaffenden eine wichtige Lücke schließen. Angebote, die bisher eher weniger Beachtung fanden, erleben nun großen Zuspruch. Eine Ausstellung online anzuschauen, mit den Kindern die digitalen Werke großer Künstler*innen zu puzzeln oder fremde Orte in 3-D zu erkunden - es gibt bereits einige Angebote, die uns in der Isolation kreative Impulse geben und Wissen digital erlebbar machen.  Die Pandemie wird dafür sorgen, dass diese Angebote zukünftig noch mehr Bekanntheit und Verbreitung finden.

Geschlossene Kultureinrichtungen belassen Bedeutendes im Verborgenen. Müssen wir die Zeitgeschichte vor dem digitalen Vergessen bewahren?

Wer die Nutzungsgewohnheiten junger Generationen beobachtet, erkennt schnell die Bedeutung der Digitalisierung von Kulturgeschichte. Schon heute ist das Smartphone ein steter Begleiter unserer Kinder - in der Schule wie zuhause. Und es sind die Algorithmen der Suchmaschinen, die frei vorhandenes Wissen verfügbar machen. Was nicht digitalisiert ist,  hat keine Chance wahrgenommen zu werden. Es ist daher eine umso wichtigere Aufgabe, dass Bildungseinrichtungen aber auch Institutionen wie Bibliotheken und Vereine diese Zeugnisse kulturhistorischer Geschichte auch digital zugänglich machen.

Alexander Tröger, Projektleiter

Seit dem Studium der Geschichte und Philosophie an der Humboldt Universität in Berlin beschäftigt sich Alexander Tröger mit der Digitalisierung wertvoller Kulturschätze. Als Gründungsmitglied rief er "Die Kulturgutscanner" ins Leben und leitet seit 2019 die kulturhistorischen Digitalisierungsprojekte der MIK CENTER GmbH.

Bewirkt die Krise ein Umdenken im Umgang mit Kulturschätzen?

Es ist die aktuelle Krise, die uns Menschen erstmals verdeutlicht, wie verborgen Kunst und kulturhistorische Zeugnisse sind, die in Zeiten geschlossener Museen niemand sehen kann. Sollten gerade deshalb reproduzierte Werke also zukünftig online für jedermann zugänglich sein? Eine Frage, mit der sich viele Kultureinrichtungen beschäftigen, jedoch obgleich der vorhandenen technischen Möglichkeiten auch vorsichtig sind: Werden durch die Digitalisierung und Bereitstellung die Besucher- und Nutzerzahlen sinken oder eher steigen? Wir machen die Erfahrung, dass Kultureinrichtungen und die Physis und Präsenz der Objekte eher mehr an Bedeutung gewinnen, zudem erhöht sich die Reichweite. Auch die „Aura“ der Objekte profitiert von der digitalen Präsenz. Bedenkt man die Vorteile enormer Online-Reichweite, die es Menschen unabhängig von ihrem Wohnort ermöglicht, eine Ausstellung zu sehen oder Zugang zu Dokumenten und Informationen zu haben, dürfte der Zugewinn auf der Hand liegen.



Welche Bedeutung hat Kunst, wenn Sie digital überall verfügbar ist? Verliert sie dadurch nicht ihren Wert?

Das Frankfurter Städel zeigt seit Jahresbeginn mit einer Sammlung des Malers Max Beckmann - 70 Jahre nach dessen Tod und dem damit erloschenem Urheberrrecht - seine Werke online, frei zugänglich und ohne Kopierschutz (siehe Bilder unten).  Intention sei die "Demokratiserung der Kunst", so Freya Schlingmann, Digitalbeauftragte des Frankfurter Städel, das bereits seit 2015 diesen Weg der Oninestellung mit der festen Überzeugung beschreitet:"Nichts ersetzt das Erlebnis vor Originalen zu stehen."

Es ist spannend zu sehen, wie Analoges und Digitales ineinandergreifen und sich ergänzen. Aufzuhalten sein wird der Wandel kaum. Kommende Generationen, heute schon an die stete Verfügbarkeit von Informationen gewöhnt, werden diesen Weg mit Sicherheit weiter beschreiten. Für die Wahrnehmung der Institutionen und ihrer Bestände und die Teilhabe der Menschen führt kein Weg an der Digitalisierung vorbei. Ihr Wert für die Gesellschaft wird steigen, je mehr Menschen sich mit ihr beschäftigen und darauf aufbauend Neues erschaffen. Wichtig bleibt dabei aber auch, den Diskurs und Wandel sensibel mit allen Akteur*innen zu begleiten.